8. Februar 2010
 
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Bücherwelten, 10.5.2007, ema

Clemens Heni: Salonfähigkeit der Neuen Rechten. "Nationale Identität", Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970-2005: Henning Eichberg als Exempel*

Vor kurzem publizierte der Politologe Clemens Heni seine Studie über Henning Eichberg als führenden ideologischen Kopf der Neuen Rechten (NR). Ein Vorwort schrieb Anton Pelinka.


Henning Eichberg, geboren 1942 in Swidnica (ehemals Schweidnitz), ist seit den 1960ern in der extremen Rechten aktiv. Er promovierte 1970 bei Albrecht Timm in Bochum und habilitierte sich 1976 als Historiker in Stuttgart. 1978 erschien sein Buch "Nationale Identität", im selben Jahr wurde sein Rechtsextremismus in Stuttgart bekannt und skandalisiert. Er war wichtigster Autor der neurechten Zeitschrift "Wir selbst" (erschien 1979-2002), 1979 beteiligte er sich an der Gründung der Grünen. 1982 ging Eichberg nach Dänemark, wo er seitdem an verschiedenen Instituten als Sportwissenschaftler und Kultursoziologe tätig ist. Seit den 1990er Jahren ist er Mitarbeiter der dänischen Socialistik Folkeparti. 1991 publiziert er in der sozialdemokratischen Theoriezeitung "Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte", 1994 kann er zum wiederholten Male in "Ästhetik & Kommunikation" publizieren (zuvor 1976, 1979), 1998 wirbt er in "Wir Selbst" für die PDS. Seit 2004 arbeitet er bei der Zeitschrift "Volkslust" mit.
Henis Studie gliedert sich in vier Teile und einen Anhang.

In der Einleitung (Teil 1) erläutert der Autor knapp aber prägnant zunächst sein Wissenschaftsverständnis. Wichtig ist hier seine Feststellung, dass Adorno in "Schuld und Abwehr" (1955) zentrale Topoi der NR (ab Mitte 1960er) antizipiert. Um so erstaunlicher erscheinen die Lücken der bisherigen Forschung zur NR bezüglich ihrer Entstehungsgeschichte und Ideologiekritik. Heni benennt zudem zwei erkenntnistheoretische Probleme, die sich bei der Analyse des Werks des "Weltanschauungskämpfers" Eichberg ergeben:
a) "Wie bewusst agiert ein projektiv Schuld abwehrendes Subjekt?"
b) Ist in der Gesellschaft des Warenfetischismus überhaupt noch sinnvoll von "Subjekt" zu sprechen?
Für Heni heißt das jedoch nicht, dass er auf das Insistieren auf individueller Verantwortlichkeit verzichtet.
Es folgt eine Definition des Terminus' "Neue Rechte" in Form einer Typologie, die folgende zehn Punkte umfasst: Antiuniversalismus, "Nationale Identität", die Losung "Volk statt Staat", "Ethnopluralismus", Antiamerikanismus, Antisemitismus, Nationaler Sozialismus, Neuheidentum, Versuche der Rehabilitation der "guten Seiten" des NS, sowie aus pragmatischen Gründen die Gruppe der Konservativen Revolutionäre.
Als methodischen Ansatz benennt Heni zum Ersten die psychoanalytische Ideologiekritik, was er mit Detlev Claussen folgendermaßen begründet: "Ideologiekritik bedeutet nicht ein bloßes Entlarvungsverfahren, das die Medien Geld und Macht als verzerrende Interessen der Kommunikation enthüllt (...). Bei dem Studium des Antisemitismus hat sich uns aufgedrängt, daß ohne die Beteiligung psychischer Mächte dieser Ideologiebildungsprozeß uns völlig verschlossen bleiben muß. Warum und wie die Menschen die Wirklichkeit verkehrt auffassen, gehört zum Geheimnis des status quo, an das die Analyse des Warenfetischismus und die Freudsche Theorie gerührt haben."
Weiterer Ansatz ist die Analyse der politischen Kultur, für die "[d]as Selbstverständliche [] oft das Unausgesprochene" sei, und schließlich spielt die Dechiffrierung der neurechten "rhetorischen Mimikry" eine zentrale Rolle, was Heni u.a. anhand der folgenden Formulierung aus der in Argentinien erschienenen Nazi-Zeitschrift "La Plata Ruf" von 1973 verdeutlicht: "Wir müssen unsere Aussagen so gestalten, daß sie nicht mehr ins Klischee der 'Ewig-Gestrigen' passen. (...) In der Fremdarbeiter-Frage etwa erntet man mit der Argumentation 'Die sollen doch heimgehen' nur verständnisloses Grinsen. Aber welcher Linke würde nicht zustimmen, wenn man fordert: 'Dem Großkapital muß verboten werden, nur um des Profits willen ganze Völkerscharen in Europa zu verschieben. Der Mensch soll nicht zur Arbeit, sondern die Arbeit zum Menschen gebracht werden.'"
Nach einer Erläuterung des Aufbaus der Studie wird die Einleitung abgerundet durch eine Auswahl biographischer Fakten über Henning Eichberg. Da Eichberg heute mitunter als "ziemlich links" bezeichnet wird, ist insbesondere die Schilderung seiner Enttarnung im Sommer 1978 durch kritische Studierende interessant: die Fakten über Eichberg sollten bekannt sein, werden aber - bestenfalls - ignoriert.

Teil Zwei bilden die "Präliminarien", in welcher die Forschungsdesiderate zur NR als auch zu Eichberg unter der Kapitelüberschrift "(Politik-) Wissenschaft nach Auschwitz. Deutschland eine 'Industriegesellschaft' unter anderen?" dargestellt werden. Dabei werden die verschiedenen Forschungsansätze auch auf ihre grundsätzliche erkenntnistheoretische "Tauglichkeit" in Hinsicht auf den Gegenstand NR befragt.
Zunächst benennt Heni den "Ethnopluralismus" als zentralen Topos der NR. Eichberg sagte bereits 1967, dass es - im Unterschied zum alt-rechten ethnozentrischen Rassismus - "keinen gültigen Maßstab [gibt], Rassen in bessere und schlechtere im moralischen oder sonst einem Sinne einzuteilen." Die neurechte Forderung nach "Akzeptanz kultureller Unterschiede" bzw. der "kulturellen Eigenarten jedes Volks" kommt harmlos und egalitär daher, mit ihr wendet sich Eichberg 1973 aber z.B. gegen "Entwicklungshilfe", da diese unzulässigerweise in andere Kulturen interveniere.
Nach einer kurzen Erörterung neu-rechter Darstellungen über die NR stellt Heni diverse sozial- und politikwissenschaftliche Ansätze dar. Er befasst sich mit der Extremismustheorie, mit demokratie- und modernisierungstheoretischen Ansätzen, der Bewegungsforschung, ideologiekritischen Ansätzen sowie der politischen Kulturforschung. Im Ergebnis hält Heni fest, dass viele AutorInnen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, durch unspezifische Ansätze ("industriegesellschaftlich-modernisierungstheoretisch", NR als "Normalpathologie moderner Industriegesellschaften") Auschwitz als nicht zu hintergehende Realität ausblenden. Dass sich Antisemitismus und Erinnerungsabwehr "sogar" in wissenschaftlichen Arbeiten wieder finden unterstreicht die Bedeutung dieser Bestandteile (west)deutscher "nationaler Identität".
Politische Kulturforschung und kritisch-theoretische Sozialpsychologie hingegen seien geeignete Ansätze zur "Betrachtung der deutschen Spezifik der NR", die sich in der Anknüpfung an den Nationalsozialismus zeige.
Abschließend wird die Relevanz der Sportwissenschaft für die Erklärung der NR und Eichbergs dargestellt. Ein wichtiger Aspekt ist hier Eichbergs Bezug auf die Humanethologie Konrad Lorenz', den er u.a. folgendermaßen zustimmend zitiert: "Wir wollen uns unumwunden eingestehen, daß es ein wunderschönes Erlebnis ist, von 'heiligem' Schauer überlaufen, die Nationalhymne zu singen, und es ist allzu leicht, zu vergessen, daß der Schauer ein Sträuben des alten Schimpansenpelzes ist und daß die gesamte Reaktion grundsätzlich gegen irgendeinen 'Feind' gerichtet ist, und vor allem, daß heute, wo Höhlenbären und Säbelzahntiger als Gefährdung menschlicher Gemeinschaften weggefallen sind, dieser 'Feind' stets eine Gemeinschaft von Mitmenschen ist, die sich genauso begeistert zur Verteidigung ihrer Sozietät verpflichtet fühlt!" Dieser Homologisierung von Mensch und Tier entspricht Eichbergs an Lorenz orientierte Triebtheorie als Grundlage des neurechten Menschenbildes: Das menschliche Verhalten sei demnach durch sechs natürliche Triebe determiniert: "Territorialtrieb", "Dominanztrieb", "Besitztrieb", "Aggressionstrieb", "Sozietätstrieb" und "Sexualtrieb".

Im Hauptteil - "Eichberg als 'Prachtexemplar' neu-deutscher Ideologie (1970-2005)" -, den Kapiteln drei bis fünf, werden drei Sichtweisen auf die NR eingenommen. Jedes Kapitel endet mit einer knappen Zusammenfassung.

In Kapitel III werden abweichend von "weiten Teile[n] der politik- und sozialwissenschaftlichen Forschung" nicht "Modernitätserfahrungen" oder "'desintegrative Prozesse kapitalistischer Vergesellschaftung'" ins Visier genommen, sondern das Verhältnis der NR bzw. Eichbergs zum Nationalsozialismus.



Kapitel IV behandelt die Wirkung und Akzeptanz neurechter Theoreme "in etablierten oder als seriös geltenden Kreisen". Anhand Eichbergscher wissenschaftlicher Publikationen 1979 bis 1989 werden die Ideologeme "nationale Identität", Antiamerikanismus, Antisemitismus und Heidentum untersucht.



Kapitel V ist dem Feld der organisierten Politik gewidmet. Zunächst werden mit Arthur Ehrhardt und "Nation & Europa" die Ausgangspunkte Eichbergs politischer und wissenschaftlicher Karriere in der extremen Rechten dargestellt. Spannender sind jedoch seine Beziehungen zur Linken, wobei das Verhältnis zur Sozialdemokratie bereits in früheren Arbeiten untersucht wurde.



Im Epilog (Teil Vier) erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse. Den Anspruch, "ausreichend Licht auf den 'Fall Eichberg' zu werfen", hat Heni überzeugend eingelöst. Er hat "Eichbergs neu-rechte Ideologeme, die sich nicht selten als genuin nationalsozialistisch dechiffrieren lassen", herausgearbeitet, evident ist die offensichtliche Bezugnahme von Neonazis auf Eichberg. Deutlich wurde die Entwicklung neu-rechter Deutungskultur (Karl Rohe) zur gesamtgesellschaftlichen Soziokultur bzw. der Umstand, dass die NR mitnichten als eingrenzbare, abseits der Gesellschaft stehende verschworene Gemeinschaft aufzufassen ist. Klar wurde ihre Rolle als "Stichwortgeberin" und Ideologieproduzentin, deutlich wurde auch die unselige Toleranz der restlichen Gesellschaft. Insbesondere die Toleranz des akademischen Mainstreams gegenüber rechtsextremen Topoi ist mehr als irritierend.
Dass die "Transformation der BRD zu Deutschland" - als Gemeinschaftsprojekt von rot-grün, konservativem Mainstream und neurechter Geschichtspolitik - abgeschlossen ist, manifestiert sich in der Tat darin, dass die Deutschen wieder stolz sind auf sich selbst und ihren angeblichen Opferstatus "erkennen" - erst Opfer Hitlers, heutzutage Opfer von "Heuschrecken" usw. So regressiv und falsch neurechte Antworten ("Nationale Identität" und "Liebe zu Völkern") auf problematische Begleiterscheinungen der "Globalisierung" seien, so bestimmend sei mittlerweile der Kulturrelativismus für die politische Kultur Deutschlands und Europas. "Eichberg ist ein Rad dieses affirmativen Getriebes".
Heni besteht auf der Einordnung Eichbergs und der NR als nationale Sozialisten und fasst die Verharmlosung der NR durch Forschung in drei Punkten zusammen:
1. Die Nichthinterfragung Eichbergs vermeintlicher Läuterung.
2. Die Nivellierung der Spezifik der deutschen NR als ein mit entsprechenden Erscheinungen vergleichbares Phänomen.
3. Das Ignorieren der grundlegenden Bezüge zu NS-Verbrechen, extremismustheoretische Verharmlosung bzw. faschismustheoretische Verkennung.
Heni resümiert weiterhin, dass, anstatt das Fortwirken des NS in der Demokratie zu thematisieren, vom "Nationalismus der Zukunftsangst" gesprochen werde. Die Beschreibung des Antisemitismus als bloßen Rassismus nehme den modernen Antisemitismus als Welterklärungsformel nicht zur Kenntnis und unterschätze den erinnerungsabwehrenden sekundären Antisemitismus nach Auschwitz.
Eichbergs Universalisierung von Auschwitz bezeichnet Heni als zentrales und postmodernes Theorem, dem undialektische, vielmehr "konfigurale" und sozialstrukturelle Untersuchungsansätze zu Grunde liegen, und dessen Funktion in der Externalisierung des präzedenzlosen deutschen Verbrechens liegt. Nicht nur die Politikwissenschaft sei, so Heni, zu exakter Erfassung des Phänomens NR angehalten, anstatt durch Ignorieren der deutschen Spezifik der Eichbergschen Auschwitzrelativierung Vorschub zu leisten.

Im Anhang der Studie werden neben obligatorischen Angaben wichtige Informationen gebündelt dargestellt. Dies sind neben wichtigen Eckdaten zu Eichbergs Wirken insbesondere Angaben zum neurechten Organ "Wir Selbst": eine Übersicht zu Titelbildern, eine Auflistung der Anzahl der Beiträge Eichbergs sowie eine Auflistung der Organisationen, die dort Werbung schalteten.
Hervorgehoben sei auch das Quellenverzeichnis, welches u.a. Eichbergs Texte von 1967 bis 2006(!) umfasst - auch die unter den Pseudonymen "Thorsten Sievers" und "Hartwig Singer" verfassten.
Ein Personenregister, welches auch die Fußnoten umfasst, bildet den Schluss der Studie.

Clemens Heni hat eine hervorragend geschriebene, materialreiche und streitbare Studie vorgelegt, der dieser kurze Überblick keinesfalls gerecht wird. Es wäre merkwürdig, wenn sie nicht den einen oder anderen Widerspruch hervorruft. Eine breite Rezeption und Diskussion ist ihr nicht nur unter PolitikwissenschaftlerInnen zu wünschen.

*Mit einem Vorwort von Anton Pelinka
Zugl.: Innsbruck, Univ. Diss. 2006
ISBN 978-3-8288-9216-3
ISBN 10: 3-8288-9216-7
Tectum Verlag, Marburg 2007
510 Seiten, Paperback
Preis: 24,90 € bzw. 19,99 € (elektronische Version)

Klappentext
Eine unheilige Allianz aus völkischen Rechten und antiimperialistischen, sich links glaubenden Positionen macht überholt geglaubte nationalistische Denkmuster in Deutschland derzeit wieder salonfähig. Henning Eichberg steht als Symbolfigur für diese Entwicklung. Seit den späten 1960er Jahren ist er Wortführer der Neuen Rechten, mit antiamerikanischen Ressentiments suchte er aber in den 1980er Jahren auch eine Annäherung an die noch jungen Grünen. Er liebäugelt zudem mit der PDS.
Clemens Heni untersucht in diesem Buch anschaulich Eichbergs gegenintellektuellen Werdegang und zeigt anhand zahlreicher Beispiele aus Wissenschaft und Publizistik die Entwicklungslinien der Salonfähigkeit neu-rechter Ideologeme in der politischen Kultur der BRD auf.

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