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Clemens Heni: Salonfähigkeit der Neuen Rechten. "Nationale Identität", Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970-2005: Henning Eichberg als Exempel*
Vor kurzem publizierte der Politologe Clemens Heni seine Studie über Henning Eichberg als führenden ideologischen Kopf der Neuen Rechten (NR). Ein Vorwort schrieb Anton Pelinka.
Henning Eichberg, geboren 1942 in Swidnica (ehemals Schweidnitz), ist seit den 1960ern in der extremen Rechten aktiv. Er promovierte 1970 bei Albrecht Timm in Bochum und habilitierte sich 1976 als Historiker in Stuttgart. 1978 erschien sein Buch "Nationale Identität", im selben Jahr wurde sein Rechtsextremismus in Stuttgart bekannt und skandalisiert. Er war wichtigster Autor der neurechten Zeitschrift "Wir selbst" (erschien 1979-2002), 1979 beteiligte er sich an der Gründung der Grünen. 1982 ging Eichberg nach Dänemark, wo er seitdem an verschiedenen Instituten als Sportwissenschaftler und Kultursoziologe tätig ist. Seit den 1990er Jahren ist er Mitarbeiter der dänischen Socialistik Folkeparti. 1991 publiziert er in der sozialdemokratischen Theoriezeitung "Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte", 1994 kann er zum wiederholten Male in "Ästhetik & Kommunikation" publizieren (zuvor 1976, 1979), 1998 wirbt er in "Wir Selbst" für die PDS. Seit 2004 arbeitet er bei der Zeitschrift "Volkslust" mit.
Henis Studie gliedert sich in vier Teile und einen Anhang.
In der Einleitung (Teil 1) erläutert der Autor knapp aber prägnant zunächst sein Wissenschaftsverständnis. Wichtig ist hier seine Feststellung, dass Adorno in "Schuld und Abwehr" (1955) zentrale Topoi der NR (ab Mitte 1960er) antizipiert. Um so erstaunlicher erscheinen die Lücken der bisherigen Forschung zur NR bezüglich ihrer Entstehungsgeschichte und Ideologiekritik. Heni benennt zudem zwei erkenntnistheoretische Probleme, die sich bei der Analyse des Werks des "Weltanschauungskämpfers" Eichberg ergeben:
a) "Wie bewusst agiert ein projektiv Schuld abwehrendes Subjekt?"
b) Ist in der Gesellschaft des Warenfetischismus überhaupt noch sinnvoll von "Subjekt" zu sprechen?
Für Heni heißt das jedoch nicht, dass er auf das Insistieren auf individueller Verantwortlichkeit verzichtet.
Es folgt eine Definition des Terminus' "Neue Rechte" in Form einer Typologie, die folgende zehn Punkte umfasst: Antiuniversalismus, "Nationale Identität", die Losung "Volk statt Staat", "Ethnopluralismus", Antiamerikanismus, Antisemitismus, Nationaler Sozialismus, Neuheidentum, Versuche der Rehabilitation der "guten Seiten" des NS, sowie aus pragmatischen Gründen die Gruppe der Konservativen Revolutionäre.
Als methodischen Ansatz benennt Heni zum Ersten die psychoanalytische Ideologiekritik, was er mit Detlev Claussen folgendermaßen begründet: "Ideologiekritik bedeutet nicht ein bloßes Entlarvungsverfahren, das die Medien Geld und Macht als verzerrende Interessen der Kommunikation enthüllt (...). Bei dem Studium des Antisemitismus hat sich uns aufgedrängt, daß ohne die Beteiligung psychischer Mächte dieser Ideologiebildungsprozeß uns völlig verschlossen bleiben muß. Warum und wie die Menschen die Wirklichkeit verkehrt auffassen, gehört zum Geheimnis des status quo, an das die Analyse des Warenfetischismus und die Freudsche Theorie gerührt haben."
Weiterer Ansatz ist die Analyse der politischen Kultur, für die "[d]as Selbstverständliche [] oft das Unausgesprochene" sei, und schließlich spielt die Dechiffrierung der neurechten "rhetorischen Mimikry" eine zentrale Rolle, was Heni u.a. anhand der folgenden Formulierung aus der in Argentinien erschienenen Nazi-Zeitschrift "La Plata Ruf" von 1973 verdeutlicht: "Wir müssen unsere Aussagen so gestalten, daß sie nicht mehr ins Klischee der 'Ewig-Gestrigen' passen. (...) In der Fremdarbeiter-Frage etwa erntet man mit der Argumentation 'Die sollen doch heimgehen' nur verständnisloses Grinsen. Aber welcher Linke würde nicht zustimmen, wenn man fordert: 'Dem Großkapital muß verboten werden, nur um des Profits willen ganze Völkerscharen in Europa zu verschieben. Der Mensch soll nicht zur Arbeit, sondern die Arbeit zum Menschen gebracht werden.'"
Nach einer Erläuterung des Aufbaus der Studie wird die Einleitung abgerundet durch eine Auswahl biographischer Fakten über Henning Eichberg. Da Eichberg heute mitunter als "ziemlich links" bezeichnet wird, ist insbesondere die Schilderung seiner Enttarnung im Sommer 1978 durch kritische Studierende interessant: die Fakten über Eichberg sollten bekannt sein, werden aber - bestenfalls - ignoriert.
Teil Zwei bilden die "Präliminarien", in welcher die Forschungsdesiderate zur NR als auch zu Eichberg unter der Kapitelüberschrift "(Politik-) Wissenschaft nach Auschwitz. Deutschland eine 'Industriegesellschaft' unter anderen?" dargestellt werden. Dabei werden die verschiedenen Forschungsansätze auch auf ihre grundsätzliche erkenntnistheoretische "Tauglichkeit" in Hinsicht auf den Gegenstand NR befragt.
Zunächst benennt Heni den "Ethnopluralismus" als zentralen Topos der NR. Eichberg sagte bereits 1967, dass es - im Unterschied zum alt-rechten ethnozentrischen Rassismus - "keinen gültigen Maßstab [gibt], Rassen in bessere und schlechtere im moralischen oder sonst einem Sinne einzuteilen." Die neurechte Forderung nach "Akzeptanz kultureller Unterschiede" bzw. der "kulturellen Eigenarten jedes Volks" kommt harmlos und egalitär daher, mit ihr wendet sich Eichberg 1973 aber z.B. gegen "Entwicklungshilfe", da diese unzulässigerweise in andere Kulturen interveniere.
Nach einer kurzen Erörterung neu-rechter Darstellungen über die NR stellt Heni diverse sozial- und politikwissenschaftliche Ansätze dar. Er befasst sich mit der Extremismustheorie, mit demokratie- und modernisierungstheoretischen Ansätzen, der Bewegungsforschung, ideologiekritischen Ansätzen sowie der politischen Kulturforschung. Im Ergebnis hält Heni fest, dass viele AutorInnen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, durch unspezifische Ansätze ("industriegesellschaftlich-modernisierungstheoretisch", NR als "Normalpathologie moderner Industriegesellschaften") Auschwitz als nicht zu hintergehende Realität ausblenden. Dass sich Antisemitismus und Erinnerungsabwehr "sogar" in wissenschaftlichen Arbeiten wieder finden unterstreicht die Bedeutung dieser Bestandteile (west)deutscher "nationaler Identität".
Politische Kulturforschung und kritisch-theoretische Sozialpsychologie hingegen seien geeignete Ansätze zur "Betrachtung der deutschen Spezifik der NR", die sich in der Anknüpfung an den Nationalsozialismus zeige.
Abschließend wird die Relevanz der Sportwissenschaft für die Erklärung der NR und Eichbergs dargestellt. Ein wichtiger Aspekt ist hier Eichbergs Bezug auf die Humanethologie Konrad Lorenz', den er u.a. folgendermaßen zustimmend zitiert: "Wir wollen uns unumwunden eingestehen, daß es ein wunderschönes Erlebnis ist, von 'heiligem' Schauer überlaufen, die Nationalhymne zu singen, und es ist allzu leicht, zu vergessen, daß der Schauer ein Sträuben des alten Schimpansenpelzes ist und daß die gesamte Reaktion grundsätzlich gegen irgendeinen 'Feind' gerichtet ist, und vor allem, daß heute, wo Höhlenbären und Säbelzahntiger als Gefährdung menschlicher Gemeinschaften weggefallen sind, dieser 'Feind' stets eine Gemeinschaft von Mitmenschen ist, die sich genauso begeistert zur Verteidigung ihrer Sozietät verpflichtet fühlt!" Dieser Homologisierung von Mensch und Tier entspricht Eichbergs an Lorenz orientierte Triebtheorie als Grundlage des neurechten Menschenbildes: Das menschliche Verhalten sei demnach durch sechs natürliche Triebe determiniert: "Territorialtrieb", "Dominanztrieb", "Besitztrieb", "Aggressionstrieb", "Sozietätstrieb" und "Sexualtrieb".
Im Hauptteil - "Eichberg als 'Prachtexemplar' neu-deutscher Ideologie (1970-2005)" -, den Kapiteln drei bis fünf, werden drei Sichtweisen auf die NR eingenommen. Jedes Kapitel endet mit einer knappen Zusammenfassung.
In Kapitel III werden abweichend von "weiten Teile[n] der politik- und sozialwissenschaftlichen Forschung" nicht "Modernitätserfahrungen" oder "'desintegrative Prozesse kapitalistischer Vergesellschaftung'" ins Visier genommen, sondern das Verhältnis der NR bzw. Eichbergs zum Nationalsozialismus.
 | - Vertiefung Kapitel III wieder ausblenden
Beispielhaft erwähnt sei hier Henis Befassung mit Eichbergs Habilitationsvortrag 1976 an der Uni Stuttgart über das nationalsozialistische Thingspiel. Dieser Vortrag war auch Basis des im Dezember 1976 in der linken Zeitschrift "Ästhetik & Kommunikation" erschienenen Artikels "Das nationalsozialistische Thingspiel. Massentheater in Faschismus und Arbeiterkultur".
Heni ruft zunächst in Erinnerung, dass die Stellung zum NS ein zentrales Moment der politischen Kultur der Bundesrepublik ist. Dies ist als Hintergrund der neurechten Begeisterung für das Thingspiel als einer der "guten Seiten des Nationalsozialismus" zu berücksichtigen. Durch die Analyse des Thingspiels als wichtigem kulturpolitischen Baustein der NS-Volksgemeinschaft wird dieser geschichtsrevisionistische "Rettungsversuch" als solcher deutlich gemacht und seine ideologischen Grundlagen offen gelegt. Auch die "fahrlässige Rezeption" Eichbergs in der Wissenschaft am Beispiel des Thingspiels wird aufgezeigt.
Eichberg beginnt seinen Vortrag mit einer beiläufigen positiven Erwähnung des Stückeschreibers und Programmatikers der Stadionspiele (Vorläufer der Thingspiele) Gustav Goes, welcher in seinen Stücken "Ahasver", den "ewigen Juden", als antisemitischen Topos verwendet, für Eichberg jedoch nur als Überwinder der "Guckkastenperspektive" interessant ist. Anschließend zitiert er aus Richard Euringers "Deutsche Passion 1933" eine kurze, wenn auch wesentliche nationalsozialistische Ideologeme enthaltende Passage. Eichberg hat keinerlei Kritik an den nationalsozialistischen Inhalten, vielmehr verfolgt er mit seinem Vortrag, so Heni, "das Aufmachen einer fiktiven Opposition: hier das massengesättigte, revolutionäre, nationalsozialistische Thingspiel, dort das elitäre, hierarchisch, führermäßig gesteuerte Herrschaftssystem und die Kulturpolitik des NS-Staates." "Eichberg konstruiert das Thingspiel als quasi Gegenspieler des SS-Staates, um nicht als Apologet des Nationalsozialismus zu gelten."
Nach Eichbergs Auffassung sind auch die Weihespiele der Arbeiterbewegung als Vorläufer der NS-Thingspiele zu betrachten. Fahnenmeere, Marschkolonnen, Fackelzüge und Gelübde fasst er als Ausdrucksformen "politischen Verhaltens" auf. Dieses "politische Verhalten" allgemein - ob bei sozialdemokratischen oder nationalsozialistischen Massenspielen - ist für den sich hier als Kritiker liberaler Wissenschaft gebenden Eichberg relevanter als politische Programmatiken. Von totalitarismustheoretischen Implikationen absehend problematisiert Heni Eichbergs "Terminus 'anthropologische Strukturen in der Politik'", der an dieser Stelle einmal mehr die Eichbergschen Bezüge auf Konrad Lorenz und dessen Humanethologie anzeige.
Kurze Zeit später gibt er den Band "Massenspiele. NS-Thingspiel, Arbeiterweihespiel und olympisches Zeremoniell" heraus, in dem u.a. Günther Rühle, der damalige Redaktionschef des FAZ-Feuilletons mit einem Beitrag vertreten ist. Für Eichberg bedeutete dies Akzeptanz seitens der Mitte der Gesellschaft mit seinem Thema, wie auch seine Rezeption im akademischen Rahmen verdeutlicht. So kritisiert Heni einige Arbeiten, die sich auf Eichbergs Thingspiel-Publikationen beziehen, u.a. die Habilitationsschrift der Historikerin Christiane Eisenberg von 1997. Darin bezog sie sich auf Eichbergs Thingspiel-Sammelband, den sie als "zurückhaltend" und "vorsichtig" in puncto Einordnung der Olympiade 1936 als "spezifisch nationalsozialistische Veranstaltung" bezeichnete. "In gezielter Negierung gesellschaftlicher Totalität" und einer "für nicht geringe Teile der Mainstreamwissenschaft typisch[en]" "positivistische[n] Abstraktion von jeglicher Gesellschaftsanalyse" begeistere sich Eisenberg für die "schöne Realität" der Olympiade 1936 in Berlin. Mit der Behauptung des "Eigenweltcharakters" des Sports im Nationalsozialismus und dessen Entpolitisierung erhalte Eichberg ein aktuelles Feedback auf seine Thingspielverherrlichung. |
Kapitel IV behandelt die Wirkung und Akzeptanz neurechter Theoreme "in etablierten oder als seriös geltenden Kreisen". Anhand Eichbergscher wissenschaftlicher Publikationen 1979 bis 1989 werden die Ideologeme "nationale Identität", Antiamerikanismus, Antisemitismus und Heidentum untersucht.
 | - Vertiefung Kapitel IV wieder ausblenden
Heni analysiert in diesem Kapitel u.a. Eichbergs Schulbuch(!) "Mehrheit und Minderheit" (1979) sowie den Artikel "Lebenswelten und Alltagswissen" in der Weimarer Republik und dem Nationalsozialismus im 1989 herausgegebenen "Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band V 1918-1945". Dass Eichberg ausgerechnet in solchen Publikationen, die ja mitnichten als Diskussionsbeiträge zu bewerten sind, sondern Grundlagen vermitteln sollen, seine Gegenaufklärung betreiben darf, ist bemerkenswert.
So konnten SchülerInnen aus berufener Feder etwas über die "völkische[] Besonderheit" des "Judentums" erfahren, beispielsweise dass es sich bei Judenhut, gelbem Fleck usw. keineswegs um exkludierende Stigmata handelte sondern eben kulturelle Eigenheiten eines "Volkes".
Noch frappierender ist, dass Dieter Langewiesche und Heinz-Elmar Tenorth als Handbuchherausgeber von Auschwitz als Zivilisationsbruch offensichtlich nichts hören wollen. Heni weist auf die durchaus problematischen einleitenden Worte der Herausgeber hin, welche die Mitwirkung der Deutschen am Übergang von der Weimarer Republik zum "Dritten Reich" folgendermaßen verständlich machen wollen: die "Zeitgenossen [haben] die Epoche zu Recht als eine Phase der Krise, der Bedrohung überlieferter Identität und der Auflösung einer vertrauten Lebensweise verstanden [] und [konnten] dann sogar, zumindest anfangs, die nationalsozialistische Diktatur als Lösung der Krise verkennen". Solche Positionen vertragen sich sehr gut mit der demagogischen These von vermeintlich progressiven sozialpolitischen Maßnahmen der Nazis, deren partielle Tabuisierung Uwe Backes, Eckhard Jesse und Rainer Zitelmann in dem von ihnen herausgegebenen Sammelband "Die Schatten der Vergangenheit" 1990 bedauern. Langewiesche/Tenorth beziehen sich auch zustimmend auf Michael Prinz - "Die Parole von der Volksgemeinschaft enthielt sicher nie die ganze Wahrheit, aber sie war, wie die Geschichte der Angestellten belegt, auch weit mehr als eine Phrase" (Prinz 1986) - und verharmlosen Nazi-Deutschland zu einem "Kerker".
Diese Formen der Derealisierung der NS-Verbrechen qua Sozialgeschichtsschreibung - welche "sozialpolitischen Errungenschaften" waren denn für "Nichtarier" vorgesehen? - hinterfragte Dan Diner bereits 1988: "Mit einem Problem wäre allerdings die Sozialgeschichte methodisch zu konfrontieren: Kann sie, indem sie ihr Augenmerk vorrangig auf die langen Entwicklungslinien richtet und soweit sie sich deutscher Geschichte zuwendet, dem Ereignis der nationalsozialistischen Massenverbrechen auf die Spur kommen? Kann eine reine Sozialgeschichtsschreibung den sich als Ereignissen darstellenden Brüchen angemessen Rechnung tragen? Wie kann dabei ein Ereignis wie Auschwitz historiographisch realisiert werden?"
Angesichts der Empathie von Langewiesche/Tenorth mit den deutschen TäterInnen verwundert es nun auch nicht mehr, dass Eichberg in seinem Beitrag den Nationalsozialismus verharmlost und, wie Heni es treffend formuliert, "das Märchen [..], dass die 'Vernichtung von kulturellen Minderheiten' - in diesem Plural werden Juden untergebracht - 'geheimgehalten und vielen Deutschen nicht bekannt war'" verbreiten darf. Eichberg hat aber auch "Kritik" am NS, etwa an den sprichwörtlichen Autobahnen, welche er als aus dem "'Geiste des Amerikanismus'" entstanden betrachtet.
Als Beispiele für durchaus relevante Auslassungen benennt Heni u.a. den Verzicht auf die Nennung der SS - immerhin war Eichbergs politischer Ziehvater der ehemalige SS-Hauptsturmführer Arthur Ehrhardt und die SS "entscheidende Organisation bei der Vernichtung der europäischen Juden".
Auch das Verschweigen des burschenschaftlichen Rassenantisemitismus - "Die Deutsche Burschenschaft lehnt die Aufnahme von Juden und Judenstämmlingen grundsätzlich ab" (D. Heither u.a. 1997) - bewertet Heni eindeutig: "Diesen Ausschluss zu unterschlagen, zeugt von einer Affinität hierzu." Die scheinbare Überzogenheit dieses Urteils relativiert sich durchaus vor dem Hintergrund Henis umfassender Kenntnis des Eichbergschen Theoriegebäudes.
Sehr gut ausgewählt ist auch folgendes Zitat Eichbergs: "Es war charakteristisch, daß die Olympischen Spiele 1936 den Höhepunkt des olympischen Zeremoniells und das letzte Thingspiel des NS-Staates brachten – und zugleich das erste Auftreten des Fernsehens in einer breiteren Öffentlichkeit. Die Auto- und Fernsehgesellschaft zeichnete sich bereits im NS-Staat in Umrissen ab, einschließlich ihrer ›amerikanisierten‹ Elemente wie Coca-Cola-Werbung und Jazzmusik." Allen Ernstes wird hier "festgestellt", die Nazis hätten gutes altes Brauchtum kurzsichtig und offenbar "artvergessen" einer "'amerikanisierten'" Alltagskultur geopfert - dass die Alltagskultur eine durchweg antisemitische war, war jedoch auch 1989 kein Geheimnis mehr.
Heni ist zuzustimmen, wenn er als Fazit dieses Abschnitts festhält: "Wer von Auschwitz redet, um bei Coca Cola und Mallorca, die die Alltagskultur des Nationalsozialismus auf dem Weg hin zur BRD geprägt hätten, zu enden, ergänzt den Antisemitismus um eine 'konfigurale', antiamerikanische Dimension." Die Tatsache, dass Eichberg mit seinem Revisionismus im ganz normalen Wissenschaftsbetrieb reüssieren kann, wirft ein bezeichnendes Licht auf selbigen. |
Kapitel V ist dem Feld der organisierten Politik gewidmet. Zunächst werden mit Arthur Ehrhardt und "Nation & Europa" die Ausgangspunkte Eichbergs politischer und wissenschaftlicher Karriere in der extremen Rechten dargestellt. Spannender sind jedoch seine Beziehungen zur Linken, wobei das Verhältnis zur Sozialdemokratie bereits in früheren Arbeiten untersucht wurde.
 | - Vertiefung Kapitel V wieder ausblenden
Chronologisch wird nach der Darstellung Eichbergs politischer Anfänge zunächst die Durchdringung des grünen Nationalismus von neurechten Ideologemen dargestellt. Hier gibt Heni in einem Exkurs über Eichbergs Doktorvater Albrecht Timm "einige Hinweise" zu dessen nationalsozialistischer Vergangenheit und deren Nichtaufarbeitung nach 1945. Mit Proteststürmen angesichts der durchaus unverständlichen Gratulationen etwa Hans Mommsens, Jörn Rüsens oder Jürgen Reuleckes in einer Festschrift zum 65. Geburtstag Timms 1980 ist wohl dennoch nicht zu rechnen.
Anschließend wird die Nähe Eichbergs zum nationalen Diskurs der PDS aufgezeigt. Über die Einordnung Lauermanns als "PDS-Theoretiker" kann diskutiert werden, nicht jedoch über dessen Beitrag "Das Soziale im Nationalsozialismus" in der Zeitschrift "Berliner Debatte Initial". Dort meinte Lauermann 1998: "Im Nationalsozialismus wurde in Deutschland Politik für die Arbeiter gemacht, bisher zum einzigen Mal."
Diese Bezüge zur Linken, welche sich auch in Beiträgen Eichbergs in links-liberalen Publikationen niederschlugen, werden im Zusammenhang mit Eichbergs Positionen zu den Republikanern und seiner affirmativen Bezugnahme auf Ernst Niekisch, dem Hitler zu "jüdisch", "mittelmeerisch" war, betrachtet.
Zuletzt behandelt Heni Eichbergs Bedeutung für die neurechten Zeitungsprojekte "Wir Selbst" (1979-2002) sowie "Volkslust" (seit 2004); zu "Wir Selbst" finden sich im Anhang verschiedene Übersichten (s.u.). |
Im Epilog (Teil Vier) erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse. Den Anspruch, "ausreichend Licht auf den 'Fall Eichberg' zu werfen", hat Heni überzeugend eingelöst. Er hat "Eichbergs neu-rechte Ideologeme, die sich nicht selten als genuin nationalsozialistisch dechiffrieren lassen", herausgearbeitet, evident ist die offensichtliche Bezugnahme von Neonazis auf Eichberg. Deutlich wurde die Entwicklung neu-rechter Deutungskultur (Karl Rohe) zur gesamtgesellschaftlichen Soziokultur bzw. der Umstand, dass die NR mitnichten als eingrenzbare, abseits der Gesellschaft stehende verschworene Gemeinschaft aufzufassen ist. Klar wurde ihre Rolle als "Stichwortgeberin" und Ideologieproduzentin, deutlich wurde auch die unselige Toleranz der restlichen Gesellschaft. Insbesondere die Toleranz des akademischen Mainstreams gegenüber rechtsextremen Topoi ist mehr als irritierend.
Dass die "Transformation der BRD zu Deutschland" - als Gemeinschaftsprojekt von rot-grün, konservativem Mainstream und neurechter Geschichtspolitik - abgeschlossen ist, manifestiert sich in der Tat darin, dass die Deutschen wieder stolz sind auf sich selbst und ihren angeblichen Opferstatus "erkennen" - erst Opfer Hitlers, heutzutage Opfer von "Heuschrecken" usw. So regressiv und falsch neurechte Antworten ("Nationale Identität" und "Liebe zu Völkern") auf problematische Begleiterscheinungen der "Globalisierung" seien, so bestimmend sei mittlerweile der Kulturrelativismus für die politische Kultur Deutschlands und Europas. "Eichberg ist ein Rad dieses affirmativen Getriebes".
Heni besteht auf der Einordnung Eichbergs und der NR als nationale Sozialisten und fasst die Verharmlosung der NR durch Forschung in drei Punkten zusammen:
1. Die Nichthinterfragung Eichbergs vermeintlicher Läuterung.
2. Die Nivellierung der Spezifik der deutschen NR als ein mit entsprechenden Erscheinungen vergleichbares Phänomen.
3. Das Ignorieren der grundlegenden Bezüge zu NS-Verbrechen, extremismustheoretische Verharmlosung bzw. faschismustheoretische Verkennung.
Heni resümiert weiterhin, dass, anstatt das Fortwirken des NS in der Demokratie zu thematisieren, vom "Nationalismus der Zukunftsangst" gesprochen werde. Die Beschreibung des Antisemitismus als bloßen Rassismus nehme den modernen Antisemitismus als Welterklärungsformel nicht zur Kenntnis und unterschätze den erinnerungsabwehrenden sekundären Antisemitismus nach Auschwitz.
Eichbergs Universalisierung von Auschwitz bezeichnet Heni als zentrales und postmodernes Theorem, dem undialektische, vielmehr "konfigurale" und sozialstrukturelle Untersuchungsansätze zu Grunde liegen, und dessen Funktion in der Externalisierung des präzedenzlosen deutschen Verbrechens liegt. Nicht nur die Politikwissenschaft sei, so Heni, zu exakter Erfassung des Phänomens NR angehalten, anstatt durch Ignorieren der deutschen Spezifik der Eichbergschen Auschwitzrelativierung Vorschub zu leisten.
Im Anhang der Studie werden neben obligatorischen Angaben wichtige Informationen gebündelt dargestellt. Dies sind neben wichtigen Eckdaten zu Eichbergs Wirken insbesondere Angaben zum neurechten Organ "Wir Selbst": eine Übersicht zu Titelbildern, eine Auflistung der Anzahl der Beiträge Eichbergs sowie eine Auflistung der Organisationen, die dort Werbung schalteten.
Hervorgehoben sei auch das Quellenverzeichnis, welches u.a. Eichbergs Texte von 1967 bis 2006(!) umfasst - auch die unter den Pseudonymen "Thorsten Sievers" und "Hartwig Singer" verfassten.
Ein Personenregister, welches auch die Fußnoten umfasst, bildet den Schluss der Studie.
Clemens Heni hat eine hervorragend geschriebene, materialreiche und streitbare Studie vorgelegt, der dieser kurze Überblick keinesfalls gerecht wird. Es wäre merkwürdig, wenn sie nicht den einen oder anderen Widerspruch hervorruft. Eine breite Rezeption und Diskussion ist ihr nicht nur unter PolitikwissenschaftlerInnen zu wünschen.
*Mit einem Vorwort von Anton Pelinka
Zugl.: Innsbruck, Univ. Diss. 2006
ISBN 978-3-8288-9216-3
ISBN 10: 3-8288-9216-7
Tectum Verlag, Marburg 2007
510 Seiten, Paperback
Preis: 24,90 € bzw. 19,99 € (elektronische Version)
Klappentext
Eine unheilige Allianz aus völkischen Rechten und antiimperialistischen, sich links glaubenden Positionen macht überholt geglaubte nationalistische Denkmuster in Deutschland derzeit wieder salonfähig. Henning Eichberg steht als Symbolfigur für diese Entwicklung. Seit den späten 1960er Jahren ist er Wortführer der Neuen Rechten, mit antiamerikanischen Ressentiments suchte er aber in den 1980er Jahren auch eine Annäherung an die noch jungen Grünen. Er liebäugelt zudem mit der PDS.
Clemens Heni untersucht in diesem Buch anschaulich Eichbergs gegenintellektuellen Werdegang und zeigt anhand zahlreicher Beispiele aus Wissenschaft und Publizistik die Entwicklungslinien der Salonfähigkeit neu-rechter Ideologeme in der politischen Kultur der BRD auf.
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Elmar Maibaum
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